Gerda Laufenberg

ATELIERGESCHICHTEN - LESEPROBE

Gerda Laufenberg
Lesung am 18. März in der Stadtbibliothek Rodenkirchen

Ein Ehepaar kauft ein Bild

Er stößt mit großem Schwung die Tür meines Ateliers auf,  mit der rechten Fußspitze, genauso wie ich das auch immer mache. Das ist hoffentlich die einzige Ähnlichkeit zwischen uns.         
Er bleibt – Hände in den Taschen seines Kaschmirmantels – mitten im Eingang stehen, schüttelt heftig Regentropfen von den Schultern und schaut sich erstaunt um. Er scheint mäßig beeindruckt.
Hinter ihm wird es unruhig.
Es gibt da noch eine Sie.
Sie stößt ihn unsanft in den Rücken. Sie stand bis jetzt draußen, hinter ihm - und sie wird da draußen immer nasser.
„Och Liebschen, kumm doch eren!“ dröhnt es aus dem Kaschmirmantel. Sie zwängt sich an ihm vorbei, zischt irgendetwas, das nicht sehr freundlich klingt, klingt wie „Typisch für dich - drusse rähnt et  - un do löss mich einfach stonn…“.
Auch sie schüttelt sich erst einmal heftig, aber mehr vor Ärger,  scheint mir.       
Die Frau, die der Mann „Liebschen“ nennt, sieht hinreißend aus. Liebschen hat die Beine eines Models, unwahrscheinlich  lang, unwahrscheinlich schlank. Sie enden oben in einer  Pelzjacke, die so kurz ist, dass Mutters wollene Winter-Unterhosen darunter zum Vorschein gekommen wären. Die Dame trägt wohl andere Unterhosen. Außerdem hat sie grau-grüne, mystisch glänzende Katzenaugen, die ihr etwas vom Blick einer Sphinx verleihen, denke ich. Und ich denke auch: Solche Augen kann man kaufen, mein Optiker bietet solche Linsen an. Aber sie sehen echt toll aus…
Die Frau erinnert mich an Sofia Loren mit fünfundzwanzig, katzenäugig, unergründlich, vielleicht etwas dünner. Sie kann unmöglich mit diesem Kaschmir-Typ zusammen sein. An ihrer Seite kann ich mir nur Pat Britt vorstellen oder zumindest einen jungen, smarten Lufthansa-Piloten. Oder Arm in Arm mit Jennifer Lopez, wer weiß. Jedenfalls sähe das schöner aus.
Als sie die Jacke auszieht – kann isch die hier ablejen ?? – bleibt mir die Luft weg. Solche Gestalten kommen nicht alle Tage ins Atelier. Und sie tragen auch nicht solche Kleider. Die kauft man nicht im Karstadt, die werden von Modellen vorgeführt - und ihr Preis übersteigt das Monats-Gehalt einer Amtsleiterin deutlich.
Ich gucke noch mal auf das gerötete Tünnesgesicht im Kaschmirmantel, diesen kölschen Rievkooche mit  grauem Schnäuzer und Hängebacken. Nie hätte ich diese Knollennase mit der atemberaubenden Frau in Verbindung gebracht. Der Kerl ist  klein und fett. Die Seidenkrawatte mit dem Dom-Motiv fliegt abwechselnd von rechts nach links über seinen dicken Bauch, sein Sakko ist - vorsichtig ausgedrückt - ein bisschen spack (so sagt man doch ??)  … stammt aber zweifelsohne von einem italienischen Designer. Armani oder Versace, das ist hier die Frage. Ob die beiden Mode-Ästheten  sich je vorgestellt haben,  dass sie für solche Tünnesse schneidern? Es ist ihnen wahrscheinlich egal, Hauptsache, die Knete stimmt. Ich kann es ihnen nicht verübeln, weil ich dem fetten Typ auch gern etwas verkaufen würde, wenn er fett zahlt…
Er tänzelt durchs Atelier. Die Frau schaut sich um. Die beiden können nicht verheiratet sein, nie und nimmer…

„Also ming Frau wünscht sich ein Bild von Ihnen!“.
Uiiiih……. Sofia Loren ist also seine Frau. Die makellose Schönheit hat sich diese Knollennase angelacht. Wie hieß der kleine  Mann von Sofia Loren noch mal?  Carlos Putti.. Ponti? Egal, der war jedenfalls von anderem Format, der hatte italienische Klasse. Mag sein, das Köln die nördlichste Stadt Italiens ist, aber die Kölner Männer sind und bleiben vorwiegend knollennasige Ubier. Vor allem wenn sie reich sind. 
„Liebschen, wat hältste denn von dem Bild?“ fragt er unvermittelt. Er hat sich vor ein Werk postiert, das ihm offensichtlich gefällt. Auf dem Bild krault eine sehr verführerische weibliche nackte Gestalt mit ihrer sehr zarten Hand das üppige Fell eines Tieres, das aus der Mischung zwischen Löwe, Bär und Satyr entstanden ist, hässlich aber irgendwie potent. Das Bild trägt den Titel „Die Schöne und das Biest “, allerdings in der französischen Version „La Belle et la Bete“. Der Ubier scheint sich im  Französischen nicht so auszukennen, deshalb macht ihn der Titel nicht misstrauisch.   
Liebschen ist entsetzt. Der Titel sagt ihr vermutlich auch nichts, aber sie ahnt den Doppelboden.    
„Wat soll dat denn sein? Willste mich erschrecken“
„Liebschen, dat bist du!!“ behauptet der Ubier jauchzend und schlägt sich mit den Händen lachend auf den Bauch, was die Krawatte erneut in Bewegung bringt.  „Un ich bin dinge Löw!“ . 
„Dat Bild mäht mer Angst“ sagt Liebschen, „Ich will mir übrigens selber e Bild aussuchen“,

.......

< zurück

top ˆ

© Gerda Laufenberg Köln 2010   Haftungsausschluss   Impressum   www.gerdalaufenberg.de